Der kleine Frieden im großen Krieg



Ein kurzer Blick in die Geschichte der Menschheit reicht, um zu erkennen, wie Kriege mit den Jahrhunderten immer präziser für die Umsetzung von Machtinteressen benutzt wurden. Wie misst man das Leid? Und kann man wirklich so genau sagen, dass der eine Krieg schlimmer war, als ein anderer? Ist nicht jedes Leid die Geschichte eines Menschen und immer ein Leid zu viel?


Selbst die Geschichtsschreibung wird benutzt, um mit Menschenleiden gewisse Machtpositionen einiger Weniger in der Welt auszubauen. Nicht immer können wir hinter die Kulissen schauen. Aber wir können immer miteinander reden und aus den Berichten unserer Vorfahren lernen. In der gegenwärtigen Zeit, in der alles Lebensnotwendige in Hülle und Fülle um uns ist und doch jeder weiß –oder zumindest erahnt- wie trügerische diese angebliche Sicherheit ist, schulden wir es unseren nächsten Generationen, genau hinzuschauen, rechtzeitig zu handeln und uns eben nicht von Trugbildern über den Tisch ziehen zu lassen. In meinem Familienalbum gibt es vor allen viele Geschichten aus beiden großen Weltkriegen. Die Geschichte vom Weihnachtswunder im ersten Weltkrieg hat meine Oma für meine große Tochter aufgeschrieben, die daraus ein Geschichtsprojekt anfertigt.



Erinnerungen meiner Oma von ihrem Vater


„Ich konnte nie vergessen, was mein Vater mir 1936 vom ersten Weltkrieg erzählte. Da war ich 10 Jahre alt. Mein Vater kam am 12.12.1887 auf die Welt, war 27 Jahre alt als er in den ersten Weltkrieg 1914 ziehen musste. Er war da schon 4 Jahre verheiratet und seine Tochter 2 Jahre alt. Meine Mutter Christiane, geb. Gohla, musste es nun ertragen, allein zu sein. Sie war damals 24 Jahre alt und erwartete ein zweites Kind. Am Heiligen Abend 1914 hatten sich mein Vater und seine Kameraden in Schützengräben in Frankreich verschanzt. Ebenso die französischen Soldaten in ihren Schützengräben gegenüber. Wie groß der Abstand dazwischen war, weiß ich nicht. Sie konnten manchmal Stimmen von drüben hören. Mein Vater und alle seine Kameraden waren sehr traurig und hatten nur einen Wunsch: endlich wieder nach Hause zu können, anstatt im Dreck und Kälte zu campieren.


Die Schützengräben waren niedrig. Sie konnten sich nicht gerade aufrichten. Wer das versuchte und mit dem Kopf über den Grabenrand hinausragte, musste mit einem Kopfschuss rechnen. Am Heiligen Abend 1914 war das anders. Alles war still. Kein Schuss war zu hören. Da nahm einer der Kameraden meiner Vaters eine lange Stange in die Hand, steckte seinen Stahlhelm oben drauf und schob den Stahlhelm über den Grabenrand hinauf. Alle waren gespannt, was nun passieren würde. Nichts. Es passierte einfach nichts. Weiter Stille. Keine Gewehrsalve traf den Stahlhelm. Alles blieb mucksmäuschenstill. Sie warteten noch einige Zeit und wiederholten das mit dem Stahlhelm noch einige Male. Und immer wieder blieb alles still. Nochmal Warten. Unsicherheit, was das für ein Zeichen sein könnte. Welches Risiko ginge man ein, wenn man sich mit dem echten Kopf über den Grabenrand wagen würde? Schließlich hatte einer seiner Kameraden mal vorsichtig über den Grabenrand nach drüben geschaut. Was er sah, war ein unglaubliches Wunder: Mitten im Gelände stand ein Weihnachtsbaum, der offensichtlich von den französischen Soldaten aufgestellt worden war.


Nun gab es kein Halten mehr. Alle krochen aus ihren Schützengräben heraus, alle, die eigentlich Feinde sein sollten, feierten zusammen Weihnachten, schenkten sich Kleinigkeiten: eine Zigarette oder eine Zigarre oder was sie gerade so hatten. Einer hatte sogar einen Fußball, also wurde auch Fußball gespielt. An diesem Heiligen Abend wurde an mehreren Teilen der Front so gefeiert. Die Hoffnung auf ein Ende des Krieges stieg. –Leider vergeblich! Wie es die Heeresleitungen aller am Krieg beteiligten Länder es geschafft haben, ihre Soldaten wieder aufeinander zu hetzen, dass sie wieder aufeinander schossen und sich töteten, ist grausam und war mir schon immer unverständlich. Aber so sind Machthaber.


Schwer verwundet, aber lebendig


Bei meinem Vater war das anders. Er gab eindeutig zu verstehen, dass er die Waffe nicht wieder in die Hand nehmen wird. Das kam eigentlich seinem eigenen Todesurteil gleich. Er musste mit dem Kriegsgericht rechnen. Er wurde dem Kommandeur übergeben. Der sagte zu ihm: „Ich kann sie verstehen. Aber was soll ich nun mit ihnen machen?“ Mein Vater erzählte, dass er nun in die große Marneschlacht (oder Sommeschlacht) abkommandiert wurde und er bei anhaltendem Trommelfeuer die Toten und Verwundeten vom Schlachtfeld holen musste. Die Heeresleitung nahm sicher an, dass er das sicher niemals überleben wird und sich das Problem von allein gelöst hatte. Schwer verwundet hat mein Vater jedoch überlebt.


Mit einem Steckschuss im Kinn und verschüttet haben ihn Sanitäter aus einem Granattrichter ausgebuddelt. Sie brachten ihn in ein Lazarett und mit viel Geduld brachten sie ihn nach und nach wieder auf die Beine. Nachdem er noch eine Weile dort blieb und die Zeit zum Lernen nutzte, wurde er an die russische Front ins Baltikum verlegt. Inzwischen war er ein ausgebildeter Sanitäter. Jetzt arbeitete er in einem Lazarett in Riga. Die Ansichtskarte, die er damals nicht abschicken konnte, hatte er in seinem Gepäck später mitgebracht und steckt jetzt bei uns in der Schrankwand im Wohnzimmer.





So richtig schlimm wurde es dann 1917, als in Russland die Revolution ausgerufen wurde. Die Heeresführung gab nur noch das Kommando: RETTE SICH WER KANN!! Mein Vater hat sich noch so lange wie möglich im Lazarett um die Verwundeten gekümmert, bis sie in Sicherheit waren. Er selbst kam dann bei einem Bauern unter, der ihn versteckte. Sonst hätte er die nächsten Monate nicht überlebt. 1918 im November, als der Krieg bereits zu Ende war, versuchte er, sich auf den Heimweg zu machen.


Es muss 1918 ein sehr kalter Winter gewesen sein, denn die Ostsee war zugefroren und so vereist, dass er den Weg über die zugefrorene Ostsee in Richtung Heimat einschlug. Unterwegs traf er den Bäckermeister Max Franzel aus Auerswalde, der ebenfalls versuchte, über die Ostsee nach Hause zu kommen. Der hatte ein Pony, welches sein Futter trug und auch die wenigen Habseligkeiten der beiden Kameraden. Ich weiß leider nicht, wo sie auf festen deutschen Boden ankamen. (Hätte ich doch mehr gefragt!)


Ein Weihnachtswunder


In Deutschland war nun auch die Revolution ausgebrochen. Sie haben sich dann vom Norden in die Mitte Deutschlands durchgeschlagen. Alles zu Fuß. Ob die Eisenbahn fuhr, weiß ich nicht. Aber selbst wenn, war es sehr gefährlich, sie zu nutzen. Ganz besonders für heimkehrende Soldaten, die für einige Revolutionäre ein gefundenes Fressen waren und schlimm mit ihnen umgingen. Meine Mutter beschrieb mir einige traurige Szenen vom Chemnitzer Hauptbahnhof, als sie Weihnachten 1917 die Heimkehr meines Vaters schon fast aufgegeben hatte.


Und dann doch: 1918 ein zweites Weihnachtswunder für meinen Vater und auch für unsere ganze Familie. Es war schon dunkel, die Haustür schon zugeschlossen, da klopft es am Fenster und draußen steht mein Vater. Richtig beschreiben kann ich das nicht. Ich selbst bin erst 7 Jahre später auf die Welt gekommen. Aber jedes Weihnachten wurde von diesem Weihnachtswunder erzählt. Mein Bruder war da inzwischen 4 Jahre alt und sah seinen Vater zum ersten Mal. Meine Schwester war schon fast Schulkind. Auch Max Frenzel und sein Pony kamen gut zu Hause in der Familie an. Das Pony hat noch viele Jahre den Brotwagen der Bäckerei gezogen und entfernt wohnenden Kindern Backwaren und Brot geliefert. Frenzels Mariechen und mein Bruder Helmut waren die Kutscher. Max Frenzel wurde 1926 mein Patenonkel.


Hinter uns liegen so viele schwere Kriege. Was liegt vor uns? Im Moment ein Land, welches seine eigenen Kulturschätze, Brauchtum und Werte völlig verrät und ein Volk, welches nicht den Mut hat, aufrecht und ohne Aggressivität für sich selbst einzustehen. Menschen, die sich in einem empörten Wutausbruch nach dem anderen nach rechts und links explosionsartig Luft verschaffen und dabei alles nutzen, was nur den Hauch einer Angriffsfläche bietet. In dieser Wut wird nichts mit Sinn und Verstand geprüft.


Begegnung von Angesicht zu Angesicht


Die globalen Lenkmechanismen sind überdimensional und machen vielen zusätzlich Angst. Umso wichtiger ist es, dass wir uns NICHT vom Hass lenken lassen. NICHT von unserer Angst. Das wir unsere Kräfte nicht unsinnig ausbrechen lassen. Sondern dass wir unsere Kräfte für ein starkes Volk gemeinsam in der Mitte bündeln und aufstehen, auf die Straße gehen und sichtbar machen: wir SIND viele! Das wir aufsehen MITTEN in UNSEREM Land und nicht unsere Kräfte gegen kleine gemachte Szenarien verschießen. Auch nicht gegen große.


Haben wir vergessen, dass die Angst der großen Kräfte schon immer die vor der STÄRKE des deutschen Volkes war? Stärke zeichnet sich nicht darin aus, GEGEN andere zu sein. Sondern FÜR sich und den eigenen Standpunkt und genau dadurch einen natürlichen Raum auch für einen anderen lassen zu können. Den Platz, den ich ausfülle, kann kein anderer ausfüllen. Wie schön wäre es, genau DAS auf der Straße zu sehen. Sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Und die Wut, die in vielen gärt, in eine Kraft der geeinten Mitte zu bündeln. Widerstand mit aufrechtem und stolzem Herzen.


Das wäre ein Wunder, welches dringend nötig ist, um Klarheit zu schaffen und Frieden zu sein. Mögen wir den Mut aufbringen, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, welches uns als Brüder und Schwestern eint. Eint zu einer zentralen Kraft und Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit, die unsere Straßen mit Leben und Leidenschaft füllt. Weil wir gerne hier sind. Und niemals weichen. Wünschen wir uns allen eine gute Zeit, rennen mit Pauken und Trompeten die Hassblockaden nieder und toben mit stolz geschwellter Brust ins Jahr 2019.


Herzlich, Navina Salomon & Team von ADELENE



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