Drei Jahre Arbeit zugebracht mit Recherche, Finanzierung, Dreharbeiten und Postproduktion, 12.000 km gefahren, 108 Tage unterwegs für 50 Interviews, Hebammenkongresse und Messen für die Bewerbung des Projektes und ein halbes Jahr von der Familie getrennt für den Filmschnitt. Das ganze ohne Bezahlung. In ihren Dokumentarfilm „Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ steckt die Filmemacherin Carola Hauck (48) all ihr Herzblut, um über die gegenwärtige Geburtssituation in Deutschland aufzuklären. Die Münchnerin und ihr Team wollen zeigen, dass Geburt keine Frauensache, sondern ein gesamtgesellschaftliches und menschenrechtliches Thema ist.


Adelene: Frau Hauck, warum ein Film über die Geburt?
Carola Hauck: Erstmals machte ich mir bereits mit 18 über das Thema Gedanken, als ich während meines Medizinstudiums bei Geburten assistierte. 1988 ging man noch davon aus, dass ein Dammschnitt Frau und Kind unter der Geburt schützt. Mir kam es jedoch wie eine westliche Beschneidung vor. Ab 2006 habe ich noch Sexologie studiert und in einer Einzelfallstudie Frauen interviewt, die einen Dammschnitt erlebt haben. Einige Frauen wurden während des Gesprächs retraumatisiert, hatten Schweißausbrüche, feuchte Hände, eine zittrige Stimme und eine hat sogar geweint. Das war für mich heftig. Ich dachte: Es kann doch kein Zufall sein, dass diese Frauen so eine Horrorgeburt hatten.


Ihre Masterarbeit drehte sich um die „Kommunikation von Hebammen im Kreißsaal“. Inwiefern spielte das Thema eine Rolle für das Filmprojekt?
Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und sah die Verflechtungen, die es bereits seit dem Mittelalter zwischen den Hebammen und der Schulmedizin gibt und die bis heute in die Kreißsäle wirken. 2012 entwickelte sich dann eine politische Diskussion über die hohe Haftpflichtprämie der Hebammen. Mich ärgerte, dass in der Presse damals viel schwarz-weiß gemalt wurde. Alles was außerklinisch war wurde als riskant und esoterisch abgestempelt. An diesem Punkt traf ich den Entschluss, diesen Film zu machen, um genau dieser einen, zunächst einfach anmutenden Frage nachzugehen: Was macht eine physiologische Geburt sicher? Also eine Geburt, die mit dem tausende von Jahren alten Programm abläuft, ohne von außen gestört zu werden.


Warum laufen Geburten in Kliniken mit immer mehr Interventionen ab?
Dazu tragen unter anderem die Strukturen und Werte unserer Gesellschaft bei. Allgemein empfinden wir alles, was wir mittels Maschinen beeinflussen oder kontrollieren können als Fortschritt. Hinzu kommt der Effizienz-Gedanke. Ein Krankenhaus ist ein Effizienz-orientiertes Unternehmen. Nicht nur, weil es ein
Gewinn-orientiertes Unternehmen ist. Und Krankenhäuser sind auf Notfälle ausgelegt. Eine Geburt ist aber kein Notfall. Geburt braucht seine Zeit. Und die wird den Frauen oft nicht gegeben.


Sind Sie selbst Mutter?
Ich denke, es ist einfach nur wichtig, warum ich den Film mache, was meine persönliche Motivation ist. Die Frage ist, was man mit einer negativen oder positiven Antwort für Schlüsse auf die Motivation meines Schaffens zieht. Für mich ist das Thema der sicheren Geburt eine Menschenrechtsangelegenheit, denn es ist unverantwortlich, was betreffend die Frauen- und Kinderrechte während der Geburt passiert und das die Politik aus Uninformiertheit dabei zuschaut. Deshalb lasse ich die Frauen für sich sprechen. Und nein, ich bin nicht selbst Mutter.


Wie soll der Film an die Frau kommen?
Verschiedene Eltern-Initiativen bekommen während der Tournee die Möglichkeit, sich und das Thema Geburt lokal zu präsentieren und eine Podiumsdiskussion zu machen. Politiker, lokale Größen und Geburtshelfer sollen so miteinander ins Gespräch kommen. Es gilt, Textbausteine finden, die helfen zu erklären, warum dies ein Thema ist, das uns gesamtgesellschaftlich betrifft. Wenn eine Frau durch die Geburt traumatisiert ist, dann leiden auch die Männer darunter, weil die Frau keinen Sex mehr möchte oder das Kind ist traumatisiert, weil die erste Bindung nicht funktioniert hat und das Stillen nicht klappt.


Wie kann die Geburt wieder zu einem selbstbestimmten Erlebnis werden?
An erster Stelle steht die Aufklärung. Seit drei Generationen wird im Krankenhaus geboren und alle denken, die Frau kann es nicht. Sie selbst denkt es. Wir können dahin kommen, wenn Frauen wieder Zugang dazu bekommen, wie so einen Geburt natürlicherweise abläuft, was in ihrem Körper passiert. Dazu müssen Rahmenbedingungen in Kliniken geschaffen werden. Eine Geburt ist nichts, was optimiert werden kann, um gewinnbringender zu sein. Wir brauchen viel mehr Hebammen für eine tatsächliche 1:1 Betreuung und diese müssen auch entsprechend vergütet werden.


Zur Regisseurin:
Carola Hauck (48) aus München studierte von 1988 bis 1991 Medizin und schloss ein sechsjähriges Filmstudium an. Neun Jahre später entschloss sie sich Sexualpädagogik und Familienplanung an der Hochschule in Merseburg zu studieren. Dieses beendete sie 2010 mit einem Masterabschluss. Ihr erster Kinofilm „Tisch No.6“ handelt von Medizinstudenten in der Anatomie. Er wurde bei den Hofer Filmtagen 1998 und beim Berlinale Forum 1999 gezeigt und bekam das Prädikat "Besonders wertvoll". Mehr Informationen unter: www.tisch-no6.de.




Der Trailer zum Film: